• Jan Walter

Krieg ohne Ende


Hunderttausende Tote: Der Westen ist maßgeblich mitverantwortlich für Fortdauer und Eskalation der Katastrophe in Syrien, urteilt Michael Lüders.


Wer nicht mitmacht bei der einfachen Feindbildpflege im Syrien-Konflikt läuft Gefahr, ins Abseits katapultiert zu werden. Michael Lüders, lange Jahre Nahost-Korrespondent der Wochenzeitung Die Zeit, Bestsellerautor und gefragter TV-Experte, muss das gerade erfahren. In den vielstimmigen Chor, der die Schuld für den jahrelangen Krieg einseitig beim syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad sieht und dessen Verbündeten Russland, will er nicht einstimmen.

In seinem Buch »Die den Sturm ernten« veranschaulicht er die verheerenden Folgen westlicher Interventionen in dem Nahoststaat. Anhand freigegebener Geheimdienstdokumente und geleakter E-mails von Entscheidungsträgern zeigt er, wie und warum die USA und ihre Verbündeten seit Beginn der Aufstands 2011 Dschihadisten mit Waffen beliefern – »in einem Umfang wie seit dem Ende des Vietnamkrieges nicht mehr«, wie Lüders schreibt. Die Waffen aus dem Westen haben Gewalt und Terror in Syrien befeuert, von einem »Bürgerkrieg« kann längst keine Rede mehr sein. Es ist ein internationalisierter Konflikt und vor allem ein Stellvertreterkrieg der USA und NATO gegen Russland. »Syrien ist ein Spielball der Weltpolitik«, so Lüders. Der Segen des Landes ist sein größter Fluch: Es gibt dort Öl. Im ersten Teil seines Buches beschreibt der Autor frühe Putschversuche Washingtons in Syrien in den 1940er und 1950er Jahren. Der Sturz der Assad-Führung stand schon auf der US-Agenda, als viele der jugendlichen Gegner des jetzigen syrischen Präsidenten noch nicht einmal lesen und schreiben oder »Demokratie« buchstabieren konnten.

Lüders führt in aller Deutlichkeit die Folgen eines Sturzes von Assad aus. In Damaskus kämen keine Demokraten an die Macht, sondern islamistische Gruppen wie die Fatah-Al-Scham-Front als Ableger von Al-Qaida. In dem Buch wird die Rolle der dschihadistischen Waffenbrüder Saudi-Arabiens und der Türkei beleuchtet. Lüders stellt in Frage, dass die Schuld für Giftgaseinsätze im Konflikt immer Assads Seite zugewiesen wird und er verweist auf Unterstützung der Gotteskrieger durch den türkischen Geheimdienst.

Mit seinem neuen Buch hat Michael Lüders eine brillante Übersicht über die Verantwortlichen für die anhaltende Katastrophe, für Krieg und Zerstörung, Mord und Massenflucht vorgelegt. »Der Syrienkrieg hätte niemals ein solches Ausmaß angenommen ohne Einmischung von außen. Die Syrer wären in dem Fall heute wohl weder glücklich noch frei, vermutlich aber auch nicht unglücklicher als in ihrer jetzigen Lage – und vor allem wären sehr viel weniger von ihnen tot.«

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