• Jan Walter

Wie Psychiater alle unangepassten Menschen für „krank“ erklären wollen


Genie und Wahnsinn, die alte Leier. Wer Kunst machen will, braucht Probleme. Eine geschmeidige Drogensucht wie Amy Winehouse. Ein ordentliches Alkoholproblem wie Stephen King. Eine bipolare Störung wie Ernest Hemingway. Oder wenigstens die Bereitschaft, auf ein Ohr zu verzichten, wie Vincent van Gogh. All das scheint schwer von Vorteil, wenn man etwas „Großes“ schaffen will.


Kreativität funktioniert nun mal nicht ohne Dämonen.

Künstler und Kreativ-Schaffende sind krank.

Heißt es. Liest man immer wieder. Scheint nachgewiesen, hundertmal.

Erst kürzlich ergab eine Studie des King’s College in London, dass Kreativität und psychische Probleme wie bipolare Störungen und Schizophrenie genetisch verwandt sind. Die Forscher fanden heraus: Je wahrscheinlicher eine Person schizophren wird oder eine bipolare Störung entwickelt, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass diese Person kreativ tätig ist.

Wenn ich so etwas höre oder lese, muss ich mich immer ein bisschen zusammenreißen, nicht gleich nach Symptomen zu googlen. Mich nicht sofort angesprochen – und vor allem krank – zu fühlen. Ich bin keine große Künstlerin. Aber ich gehöre zu denen, die kreativ tätig sind, jeden Tag.

Manchmal knipse ich mitten in der Nacht das Licht an, um nach einem Musen-Quickie einen spontanen Einfall in das kleine Buch zu notieren, das immer auf dem Nachttisch bereitliegt. Manchmal vergesse ich im „Flow“, wie man diesen Kreativitäts-Rausch gerne nennt, den Müll raus zu bringen oder die Wäsche zu machen. Ich vergesse zu essen, wenn mein Gehirn erst mal auf Hochtouren gekommen ist und meine Finger nur so fliegen über die Tastatur. Ich gehöre zu denen, über die man sagt „Sie (oder er) ist grade nicht ansprechbar. Ist in ihrer (seiner) eigenen Welt.“

Bin ich bereits krank?

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